Kulturelles Klettern

 

Dieser Text ist am 23. März 2024 in der FAZ erschienen. Leider hat die FAZ meinen Namen noch nicht korrigiert, sodass ich nach wie vor als Fabian Schmitter auftauche.

 

Wir spürten zwar nicht gerade den Tod im Nacken wie im Gassenhauer «Bergvagabunden». Die Angst allerdings kroch uns mit jedem Meter tiefer unter die Haut. In der achtzig Meter hohen Südwand des Großen Zschirnsteins pfiff der Wind so stark um unsere Nasen, dass er die locker geworfenen Sicherungsschlingen von den Felszacken riss.

Wie ernst die Angaben im Kletterführer – «fast schon hochalpine Bergfahrt» – zu nehmen sind, ahnten wir – Grünschnäbel im Sandsteinklettern der Sächsischen Schweiz – nicht. Wir fanden nicht einen Haken. Obwohl wir «physisch und psychisch in der Lage sind, Stand an selbst angebrachten Schlingen zu machen», geriet uns die Kletterei zum veritablen Abenteuer. Haken vermitteln nicht nur Sicherheit, sie dienen auch zur Orientierung.

Auf dem Gipfel verrieten uns drei Franken, sie führen nur noch in die Sächsische Schweiz. Für ein ursprüngliches Klettern, bei dem die Kletterer:innen sowohl an den Felsen als auch in den Wäldern den Weg noch suchen und für ihre Sicherheit selbst besorgt sein müssten. Dann stapften sie auf Schleichwegen davon. Wir dagegen verirrten uns auf ihren Spuren.

Beim Chronisten und Fotografen

 
Frank Richter lacht, als ich davon erzähle. Wir sitzen am äußersten Stadtrand Dresdens am Schreibtisch des bald Achtzigjährigen, wo er mir das sächsische Klettern erklärt. Der Chronist und Fotograf des sächsischen Bergsteigens, wie es etwas hochtrabend heißt, ist mit dem Klettergebiet ebenso vertraut wie mit dem Kulturraum.
Schelmisch will ich wissen, ob die Alpen nicht verlockender gewesen seien als Felstürme, die kaum über die Baumwipfel des Waldes hinausragen. Natürlich wären sie gerne in die Alpen gefahren, aber das sei zur Zeit des Eisernen Vorhangs unmöglich gewesen, bedauert Richter. Nach der Wende habe der jugendliche Übermut dann gefehlt. Stattdessen habe er mit seiner Frau die Alpen auf Wanderwegen und Klettersteigen erkundet.

Bücher und Bergsteigen

 
Während Richter sich verblüffenderweise durch Bücher den Alpen näherte, entferne ich mich zugunsten der Bücher immer weiter von ihnen. Der Titel über Hugo Loetschers Aufsätzen zur literarischen Schweiz schießt mir durch den Kopf: «Lesen statt klettern» (2003). Erst im 18. Jahrhundert hätten urbane Schriftsteller der Aufklärungszeit wie der Berner Albrecht von Haller oder der Zürcher Salomon Geßner die Bergwelt als Hort der Ursprünglichkeit verklärt.

Die Geschichte Thomas Plattners aus dem 16. Jahrhundert dagegen, die Loetschers Aufsatzsammlung die Richtung weist, steht stellvertretend für alle, die ihren Alpentälern den Rücken kehren mussten, um der Armut zu entkommen,lesen zu lernen und etwas aus sich zu machen. Der Walliser Geissbub habe sich – mit Hilfe seines exotischen Dialekts – durch die süddeutschen Städte gebettelt, um später in Basel ein angesehener Drucker, Pädagoge und Wissenschaftler zu werden, schreibt Loetscher. Davor aber seien ihm die Berge ebenso «grausig» erschienen, wie der Strohsack im Winter unbequem gewesen sei. Die Geschichte Plattners kommt mir merkwürdig vertraut vor.

Für Richter jedoch verkehrte sich Loetschers Invektive gegen Schweizer Bergromantik. Er und seine Seilgefährten brachen lesend in die Alpen auf. Bücher wie Karl Lukans «Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht…» (1968) hätten ein unwiderstehliches Bergsteigerleben geschildert, erinnert sich Richter und fügt lakonisch an: «Die meisten der sächsischen Bergsteiger kannten sich in den Alpen gut aus, obwohl sie nie dort waren.»

Romantische Kletterkultur

 
Mit dem trendigen Sportklettern, dessen touristisch-ökonomisches Potenzial in der Fränkischen Schweiz die Natur belastet, hat die Sächsische Schweiz bis heute wenig zu tun. Zwar bemüht sich auch die Elbsandsteinregion seit Jahrzehnten um Tourismus. Wanderungen auf dem Malerweg rangieren aber weit vor dem Klettern, auch wenn die Tourist:innenmassen an einem sonnigen Wochenende bald mehr die Seilschaften an den berühmten Basteifelsen als die Reste der spektakulären Burg bestaunen.

Was Schweiz heißt, muss offenbar ein Sonderfall sein. Tatsächlich ist das sächsische Klettern so besonders, dass es am 13.03.2024 zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands erklärt wurde. Trotz ihres Namens kannte ich, ein Schweizer in Sachsen, die Bedeutung der Sächsischen Schweiz für die Kletter- und Alpingeschichte jedoch nicht. Namen wie Oskar Schuster oder Bernd Arnold sagten mir nichts. Das sächsische Bergsteigen allerdings ringt mit den Alpenländern und England um nichts weniger als die Erfindung des Freikletterns, auch wenn der Ursprung den «Alpengeschichte(n)» des Bergexperten Stefan König gemäß eher in England und Österreich liegt. Doch hat sich der Geist des Freikletterns nirgends so erhalten wie in der Sächsischen Schweiz.

Trieb die Neugierde auf unerforschte Gebiete die Menschen einst an, mit allen erdenklichen Hilfsmitteln auf hohe Berge zu steigen, bemächtigte sich mit zunehmender Erschließung der Natur ein sportlicher Gedanke des Kletterns. Das unerforschte Gebiet verschob sich von der Natur in den Menschen hinein. Die menschliche Leistungsfähigkeit rückte ins Zentrum.

Weil in der wildromantischen Landschaft des Elbsandsteingebirges kaum objektive Gefahren lauern, eignete sich das Gebiet zur Kultivierung dieser – romantischen – Kletterhaltung. Das sächsische Klettern steht in einer Tradition, deren wirkmächtigster Ausdruck Caspar David Friedrichs Gemälde «Der Wanderer über dem Nebelmeer» (1818) bildet. Wie kaum eine andere Landschaft symbolisieren die Tore, Schluchten und Türme des Elbsandsteingebirges Romantik.

Mit dem berühmten Vorgänger befasste sich auch der Fotograf Frank Richter und zeichnete für die inhaltliche Konzeption des historischen Teils des Malerwegs verantwortlich. Friedrich war aber nicht der einzige Maler, den die bizarren Felsformationen der Sächsischen Schweiz in ihren Bann zogen. Die Bezeichnung Sächsische Schweiz ebenso wie der Malerweg gehen wohl auf den Schweizer Kupferstecher Adrian Zingg, 1766 an die Königliche Kunstakademie in Dresden geholt, zurück.

Die Regeln des sächsischen Kletterns

 
Der Nervenkitzel, für den in den Alpen die natürlichen Gefahren sorgen, transformierte sich in der Sächsischen Schweiz zu rigiden – anfangs informellen, später festgeschriebenen – Kletterregeln. Diese schützen die Natur (insbesondere den fragilen Sandstein) wie den Sportsgeist, sodass das Klettern im Elbsandsteingebirge eine ebenso psychische wie physische Herausforderung ist. Neue Routen müssen von unten direkt erklettert werden. Der Einsatz von Hilfsmitteln ist minimal, Magnesium verboten. Charakteristische Eisenringe anstelle üblicher Haken kommen nur in großen Abständen an besonders schwierigen Stellen zum Einsatz. Unter diesen Voraussetzungen bleibt das Klettern den Waghalsigen vorbehalten.

Die Ahnengalerie des sächsischen Bergsteigens

 
Dass das sächsiche Bergsteigen, so rechtfertigt es seinen Namen, Spitzenbergsteiger hervorbrachte, die am Sandstein nicht nur trainierten, sondern auch brillierten, scheint folgerichtig. Die Legende Oskar Schuster (1873-1917), Pionier der Sächsischen Schweiz schlechthin, erklomm im Winter 1898 mit dem Zillertaler Heinrich Moser erstmals einen 4000er auf Skiern. Fritz Wiessner (1900-1988), 1929 in die USA emigriert, machte sich einen Namen als Kletterer und Höhenbergsteiger. Nicht zuletzt prägte er das Freiklettern in Amerika. Und Dietrich Hasse (1933-2022), der für die erste Diretissima durch die Nordwand der Großen Zinne in Südtirol und das Standardwerk «Felsenheimat Elbsandsteingebirge» bekannt ist, stammt gar aus Bad Schandau. 1955 verließ er die DDR jedoch und fungierte fortan als Bindeglied zwischen dem Westen und der Sächsischen Schweiz.

Musste anfänglich beim Setzen der Ringe einhändig gebohrt und geklebt werden, so erzwang der Jahrhundertkletterer Bernd Arnold Änderungen. Die starren Regeln bremsten sein Talent allzu sehr. Fortan durften sich Kletterer:innen beim Setzen von Ringen mittels einer Schlinge stabilisieren. Und festgehalten von Richters Kamera öffnete Arnold – häufig barfuß – neue Horizonte, als das Klettern in der Sächsischen Schweiz seinen – romantischen – Zenit überschritten zu haben schien. Aber: Die Regeln mussten geändert werden. Seither haben immer wieder kleine Regeländerungen zu neuen Höchstleistungen und ebenso hitzigen Debatten geführt.

Unter DDR-Bedingungen

 
Weit mehr als in den Alpen, wo die Kommerzialisierung des Bergsports ein breites Publikum bedient, obliegen die Kletterregeln in der Sächsischen Schweiz bis heute einer Elite von talentierten Freizeitkletterer:innen. Tobias Wolf, einst Mitglied des Deutschen Nationalkaders im Sportklettern und weltweit aktiver Kletterer, bedauert jedoch kaum, sein Hobby nicht zum Beruf gemacht zu haben. Dem Versuch, von Kletterkursen zu leben, habe ohnehin ein rauer Wind entgegengeblasen, erklärt der 43-jährige.

Naheliegend, dass das sächsische Freiklettern unter DDR-Bedingungen auch politische Freiheit atmete. Die zentralistische SED habe versucht, die bürgerlichen Bergsteigerclubs in Sachsen unter die Kontrolle des Deutschen Verbands für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf zu zwingen, erklärt Richter. Die historische Parallelität von Bergsteigerclubs und Arbeitersportvereinen habe die SED instrumentalisiert. Offiziell verboten, hätten sich die Clubs unter der Hand gehalten.

Altersmild blickt Richter auf die Spaltung der sächsischen Kletterszene zurück. Trotzdem schwingt Verachtung mit. Und die alten Gehässigkeiten werden spürbar. Der Streit sei bis heute nicht beigelegt, fügt Richter an und erzählt dann von eingesperrten und geflohenen Freunden, viele, wie Richter selbst, christlich. Klettern und Kirche: Was für einen Schweizer konservativer nicht klingen könnte, ist unter DDR-Bedingungen eine besonders subversive Mischung.

Popularisierung des Kletterns

 
Die Popularisierung und Professionalisierung des Bergsports im Westen, vorangetrieben durch die Buch- und Vortragsvermarktung von Größen wie Reinhold Messner, stand in der DDR unter anderen Bedingungen. Für ein Buch der Fotografien Richters gab es von der Staatsleitung weder ideelle Unterstützung noch Papier. So entwickelte auch Richter die DDR-typische Improvisationskunst.

Waren die Bergabende des Dresdner Stadtfachausschusses in den Siebzigern und Achtzigern auch brechend voll, hinkten die technischen Mittel dem westeuropäischen Standard hinterher. Richter erinnert sich an den Überblendprojektor bei einem Vortrag des österreichischen Abenteurers und Fotografen Franz Six: «Überblendprojektor, sowas hatten wir überhaupt noch nicht gesehen.» Notgedrungen machte sich Richter als gelernter Elektroniker selbst an den Bau eines solchen Apparats. Fortan hielt er Vorträge. Die unfreiwillige Abschottung jedoch dürfte eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung des traditionellen Klettergebiets gespielt haben.

Unpolitisches Klettern?

 
In der DDR wurde das Elbsandsteingebirge zum Rückzugsgebiet derjenigen, die mit den martialischen Tönen der SED nichts am Hut hatten. Deren kampfbereiter Nationalismus erinnert an einen Militarismus, der auch die Geschichte der Alpen prägt. Die soldatische Kameradschaft – Frauen blieb der Zugang zu den Bergsteigerclubs lange Zeit genauso verwehrt wie zum Schweizer Alpenclub – dringt kaum verhüllt durch die Liedzeilen der erwähnten Bergvagabunden: Der «Fels ist bezwungen» von «Brüdern auf Leben und Tod». Das Illustrationsbild des ersten Youtube-Treffers – Dr. Ludwig’s Archive – rüstet die Bergvagabunden mit Fernglas und Geschütz aus. Berg- und Kriegsromantik liegen nahe beieinander.

Die Klettersteige etwa, die auch Richter und seine Frau durch die Alpen führten, haben ihren Ursprung in den Stellungskriegen des Ersten Weltkriegs. Stefan König fasst treffend zusammen: «Die Berge sind oft schön. Sie stillen unser Verlangen nach Idylle, Natur, Einsamkeit, Stille. Eine heile Welt aber sind sie nicht.» Ob es angesichts dessen möglich ist, das Bergsteigen unpolitisch zu betreiben?

Der sächsische Eigensinn, wie er sich auch in den Kletterclubs und -regeln zeigt, schlägt unter veränderten Bedingungen leicht in einen (xenophoben) Isoliationismus um. Die Angst, das eigene Klettergebiet an Fremde zu verlieren, ist groß. Wolf greift zur Erklärung auf einen Witz zurück: «Sagt in der Sächsischen Schweiz eine Mutter zur anderen: Ich muss nach’m Rechten sehen.» Von einem «Säxit» ist gern einmal die Rede. Da ist es ratsam, ein paar Bücher zur Hand zu nehmen und sich der Geschichte bewusst zu werden. Auch für uns gilt wohl: Hätten wir doch mehr gelesen, statt einfach drauflos zu klettern.

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