AutorFabian

Marktwirtschaft: Zum neuen Jahr!

 

Eine kleine „Vignette“, wie sie ein anderer Redaktor nannte: Sie fand keinen Weg in die Zeitungen, so bleibt ihr noch dieser Blog. Da fristet sie ein unbezahltes, wenn auch kein unbelohntes Dasein.

 

Es war in den Tagen des Jahreswechsels – eben einer Art Zeitenwende, die so allerlei Ungeahntes ermöglicht; rechnen wir da noch die Weihnachtstage hinein, die mit ihrer Festlichkeit für ein konstantes Niveau der Alkoholisierung sorgten (nicht einer Alkoholisierung der ohnmächtigen Besoffenheit, sondern der weihänlichtlich-jesuanischen Liebesoffenheit); und berücksichtigen wir, dass es nach chilenischem Wein und chinesischem Essen gegen Mitternacht zuging, als ein – wahrscheinlich tamilischer – Wirt im St. Gallerhof am Zürcher Hauptbahnhof noch ein grosses Glas Bier servierte: So haben wir die erforderliche Stimmung.

Nach Kindererziehungsgeschichten, Beziehungsanalysen und Heiratsanekdoten fiel das K-Wort doch noch. Wir beschworen unwillentlich jene doppeldeutige – auch rotgefärbte – Zwielichtigkeit des Langstrassenviertels herauf, war doch zu keinem Zeitpunkt klar, ob es nun um den Kommunismus oder den Kapitalismus ging. Übrig blieb die Marktwirtschaft. Und so beginnt’s.

Der Redaktor einer stadtbekannten Zeitung mit internationaler Ausstrahlung führte die These ins Feld, die Marktwirtschaft sei das erfolgreichste ökonomische System. Der sozialistische Exilant war aufgrund der Festtage versöhnlich gestimmt. Schliesslich hatte er seine Lehren aus der DDR-Planwirtschaft gezogen und überdies mit dem Redaktor zusammen Philosophie studiert. Am Ende des Gesprächs resultierte eine Frage, die allerdings aufgrund der vorgerückten Stunde – der Zug fuhr, zu Hause warteten Kinder und Beziehungen – keiner Klärung mehr zugeführt werden konnte. Aber zur Beantwortung dieser Preisfrage sind wahrscheinlich auch mehr als zwei Köpfe nötig: Wie lässt sich eine Marktwirtschaft ohne die Rechtsform des Privateigentums konzipieren?

Und bevor jetzt Tumulte ausbrechen, würde ich sagen: Die Philosophen haben ihre Aufgabe erledigt. Jetzt sind die St. Galler BWL- und VWL-Techniker dran. Das war am 30.12.2022. Ich schreibe das, weil ich weiss, dass die Zeit drängt, schliesst sich doch das Zeitfenster des Jahreswechsels mit seiner etwas verwegenen Stimmung der guten Vorsätze nur allzu schnell wieder, noch am 01.01. auf der Rückfahrt nach Leipzig am Strassenrand oberhalb des Schaffhauserplatzes auf. Das Autoradio plärrt «Bella Ciao» dazu. Auf in meine Wahlheimat Leipzig… von der Alfred-Escher zur Karl-Liebknecht… von der… von der… es fällt mir keine Frau ein… naja zur Rosa-Luxemburg-Strasse… Es grüsst der sozialistische Exilant mit Schweizer Pass aus dem real nicht existierenden Sozialismus.

Und die Buchstaben?

 

Rede anlässlich eines Auftritts vor der Lesegegesellschaft Horgen mit der „Mikromärchen Soundscape“ am 20. Oktober 2022.

 

„Was, Sie können schon lesen? Nun denn…“
(Georg Büchner, Leonce und Lena)

 

Das sagt der Kronprinz Leonce in Georg Büchners Komödie Leonce und Lena zum Präsidenten des Staatsrats, als dieser einen Zettel aus der Tasche zieht, um die Ankunft von Leonces Braut zu verlesen, die Prinzessin von Pipi. Ich beginne etwas unvermittelt, nicht sehr förmlich. Und natürlich erlaube ich mir mit diesem Eingangszitat einen kleinen Scherz. Sie – die Lesegesellschaft und ihre Gäste – können bestimmt lesen, keine Frage. Allerdings ist das Lesen, im Gegensatz zum Plappern, keine Selbstverständlichkeit. Das jedenfalls bringen uns Kleinkinder bei.

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Die Politik des freien Verses

 
Eine gekürzte Fassung unter dem Titel „Das Gedicht hat seine Fesseln abgelegt, nun irrt es ziellos umher“ hat die NZZ am 22. Mai 2021 publiziert.
 

Der freie Vers? Ein alter Hut. – Seine Wurzeln reichen bald drei Jahrhunderte zurück, etwa zu Klopstock. Und sein aufsehenerregender Durchbruch zu einem dominanten literarischen Phänomen Mitte des 20. Jahrhunderts ist auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert her. Mittlerweile erscheint, was Gedicht sein will, meist im freien Vers. Manche atmen darob auf und sagen immer noch mit dem Pathos des Neuen: endlich kein Metrum, endlich kein Reim mehr. Das Gedicht ist an nichts mehr gebunden.

Seither fehlen neue Gedichtformen weitgehend. Und ich werde ein Unbehagen nicht los, das mit dem ästhetischen Prinzip des freien Verses zusammenhängt. Dieses will dem dichtenden Menschen und seinen Gegenständen im Einzelnen gerecht werden. Aber immer wieder beschleicht mich der Verdacht, der freie Vers könnte, obwohl er als Ausdrucksform dem Einzelnen gerecht werden möchte, im Ganzen ungerecht – und damit unfrei – sein.

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