Denken

 

„Es ist nicht tragisch, dass die Welt nicht auf mich gewartet hat, dass die Welt mich nicht braucht. Tragisch ist, dass ich trotzdem an die Reihe komme.“ (18.07.2013)

Seit 2010 führe ich ein Notizbuch, indem ich säuberlich datierte Formulierungen und Probleme festhalte, deren Verlauf zu verfolgen und an denen weiterzuarbeiten mir lohenenswert erscheint. Natürlich ist mir dieses Notizbuch in den vergangenen zehn Jahren – und ich will mir also einen Weg durch das Chaos dieser Notizen suchen – längst über den Kopf gewachsen. Jedenfalls beginnt es so:

„Die verdammten zwei Seiten… und erst die Schattierungen.“ (23.08.10)

Rückblickend zeigt sich da – in den zwei Seiten – bereits eine Keimzelle der fünfzeiler als Kippfigur, obwohl deren konkrete Entstehung im Kontext der Gründung von delirium und meiner Lizentiatsarbeit zu dem Zeitpunkt noch rund drei Jahre auf sich warten liess.

Wiewohl ich die fünfzeiler als Markenzeichen betrachte, will ich mich nicht auf sie allein beschränken. Gerade dem Notizbuch würde das kaum gerecht, auch wenn die fünfzeiler und das Notizbuch bestimmt – so wie alles – als Texte unter Texten¹ in einem Zusammenhang stehen.

Beispielhaft dafür – und ich springe also – ist vielleicht folgende Passage:

„Das meine ich mit Lebensform. Das ist meine Lebensform. – Ich sitze in der Strassenbahn, lese ein wenig und notiere kurz drei Fünfzeiler, während mein Sohn schläft. Ich brauche dabei kaum nachzudenken und kann die knappe Zeit locker und erfüllend nutzen. Ich denke so, ich bin so – ich arbeite.“ (27.07.2019)

Tatsächlich gibt es bislang nur zwei Passagen, in denen die fünfzeiler explizit erwähnt sind.² Sie sind beide – vielleicht selbstverständlich – jüngeren Datums. Und weil es nur zwei sind, will ich beide anführen:

„Ist der Zweck der Menschheit der Bau von Pyramiden? – Ich halte die Vorstellung von monumentalen Zwangsprodukten als Zweck der Menschheit für verfehlt. – Vielmehr wäre mir am Wohlbefinden gelegen. Allerdings überfordert das Wohlbefinden den Menschen, denn das Wohlbefinden verlangte nach einer absoluten Angemessenheit des Verhaltens an die jeweilige Situation. – Und so kommen Rahmenbedingungen ins Spiel. – So betrachte ich die fünfzeiler. Sie sind Rahmenbedingungen, die es erlauben, eine reichhaltige Palette an Varianten auszubilden.“ (04.11.2019)

Zurück zum eingangs aufgeschriebenen Satz. Ein Eintrag kurze Zeit später schliesst auch eher an den ersten Satz als an die fünfzeiler an, obwohl dieser erste Satz natürlich zeitlich später und nur in dieser Wiedergabe früher kommt.

„Ehrlich genug sein, einzugestehen, dass ich etwas sage, weil ich es sagen will, und nicht, weil ich etwas zu sagen habe.“ (9.9.2010)

In aller Kürze bin ich geneigt, diesen Satz ebenso als implizite Beschreibung wie als explizite Maxime poetischen Schaffens aufzufassen. Nicht selten kommen Sätze im Gewand der objektiven Wahrheit daher. Und meist helfen die Sätze wenig. Sie entzweien mehr, als dass sie verbinden. Wozu sie also sagen, wenn doch die Verbindung durch die Sprache das ist, was Menschen auszeichnet?

Ich weiss nicht, ob ich auch den folgenden Satz in diesem Kontext sehen möchte. Tatsächlich suggeriert er, sich auf den vorangehenden zu bezieehen. Vom 09.09. zum 10.10. ist allerdings mehr als ein Monat vergangen.

„Weisheit ist weder ein Wissen, eine Methode noch eine Disziplin. Weisheit ist eine Verbindung.“ (10.10.2010)

Noch vor dem 10.10. noch in unmittelbarer Nähe des Satzes über die Ehrlichkeit – nämlich auch am 09.09. – habe ich die Maxime poetischen Schaffens noch ein wenig weiter getrieben.

„He, whose life is art, is called an artist. He, whose art is life, is called a saint.“ (9.9.2010)

Einige Zeit habe ich das Politische in der Kunst gesucht. Mittlerweile drängt sich mir eher wieder der Zusammenhang zwischen Kunst und Religion auf. Das Politische als Organisation der Kollektivität. Das Religiöse als Organisation der Individualität. Das eine hält das gesellschaftliche Leben in Ordnung, das andere hält das persönliche Leben in Ordnung.

 

 

 

(Ordnung ergibt sich im Zusammenspiel von eigenem Zutun und zufälligen Verbindungen. Ich wollte die Sätze chronologisch ordnen und stelle nach kürzester Zeit fest, dass sich mir andere Varianten aufdrängen. Das ist eine Variante, wie die Sätze und Passagen einen Zusammenhang bilden. Und mit grösster Wahrscheinlichkeit werde ich den gegenwärtig abgebildeten Zusammenhang mit fortschreitender (chronologischer) Lektüre der Sätze und Passagen im Notizbuch wieder revidieren.)


¹ „In diesem Buch werden Fragen der Poetik behandelt, weil sie uns interessieren. Das kann für uns nicht bedeuten, auf eine Lehre oder Theorie des poetischen Textes zu zielen. Das Verfassen poetischer Texte gestaltet sich zwar als Kette von Entscheidungen, denen implizite Regeln zugrunde liegen, welche im fertigen Text etwa als Konsistenz des Stils merklich werden; da die Regeln aber nicht explizierbar
sind, ohne dass ihre ästhetische Evidenz sich verflüchtigt, und da ihre Aushärtung zur Lehre vollends dem Geist widerspricht, in dem wir schreiben, konnte die Strategie des Vorgehens nur darin bestehen, diese Regeln beiseite zu lassen und sich den Sensibilitäten, Bewusstseinslagen und allgemein den Lebensformen zuzuwenden, die die Produktion poetischer Texte – in unserem Fall – umgeben und die ihren Vorhof bilden. Dieses Buch ist also kein Metatext zu poetischen Texten, sondern ein Text unter Texten – der eben die Textarbeit zum Thema hat.“ (Helm aus Phlox)

² Noch am selben Tag, an dem ich dies schreibe, notiere ich den dritten Satz zu den fünfzeilern: „Die Fünfzeiler: Das ist wie ein Schneckenhaus für mich.“ (19.11.2019)