Denken

 

„Es ist nicht tragisch, dass die Welt nicht auf mich gewartet hat, dass die Welt mich nicht braucht. Tragisch ist, dass ich trotzdem an die Reihe komme.“ (18.07.2013)

Seit 2010 führe ich ein Notizbuch, indem ich säuberlich datierte Formulierungen und Probleme festhalte, deren Verlauf zu verfolgen und an denen weiterzuarbeiten mir lohenenswert erscheint. Natürlich ist mir dieses Notizbuch in den vergangenen zehn Jahren – und ich will mir also einen Weg durch das Chaos dieser Notizen suchen – längst über den Kopf gewachsen. Jedenfalls beginnt es so:

„Die verdammten zwei Seiten… und erst die Schattierungen.“ (23.08.10)

Rückblickend zeigt sich da – in den zwei Seiten – bereits eine Keimzelle der fünfzeiler als Kippfigur, obwohl deren konkrete Entstehung im Kontext der Gründung von delirium und meiner Lizentiatsarbeit zu dem Zeitpunkt noch rund drei Jahre auf sich warten liess. Wiewohl ich die fünfzeiler als Markenzeichen betrachte, will ich mich nicht auf sie allein beschränken. Gerade dem Notizbuch würde das kaum gerecht, auch wenn die fünfzeiler und das Notizbuch bestimmt – so wie alles – als Texte unter Texten¹ in einem Zusammenhang stehen. Beispielhaft dafür – und ich springe also – ist vielleicht folgende Passage:

„Das meine ich mit Lebensform. Das ist meine Lebensform. – Ich sitze in der Strassenbahn, lese ein wenig und notiere kurz drei Fünfzeiler, während mein Sohn schläft. Ich brauche dabei kaum nachzudenken und kann die knappe Zeit locker und erfüllend nutzen. Ich denke so, ich bin so – ich arbeite.“ (27.07.2019)

Tatsächlich gibt es bislang nur zwei Passagen, in denen die fünfzeiler explizit erwähnt sind.² Sie sind beide – vielleicht selbstverständlich – jüngeren Datums. Und weil es nur zwei sind, will ich beide anführen:

„Ist der Zweck der Menschheit der Bau von Pyramiden? – Ich halte die Vorstellung von monumentalen Zwangsprodukten als Zweck der Menschheit für verfehlt. – Vielmehr wäre mir am Wohlbefinden gelegen. Allerdings überfordert das Wohlbefinden den Menschen, denn das Wohlbefinden verlangte nach einer absoluten Angemessenheit des Verhaltens an die jeweilige Situation. – Und so kommen Rahmenbedingungen ins Spiel. – So betrachte ich die fünfzeiler. Sie sind Rahmenbedingungen, die es erlauben, eine reichhaltige Palette an Varianten auszubilden.“ (04.11.2019)

Zurück zum eingangs aufgeschriebenen Satz. Ein Eintrag kurze Zeit später schliesst auch eher an den ersten Satz als an die fünfzeiler an, obwohl dieser erste Satz natürlich zeitlich später und nur in dieser Wiedergabe früher kommt.

„Ehrlich genug sein, einzugestehen, dass ich etwas sage, weil ich es sagen will, und nicht, weil ich etwas zu sagen habe.“ (9.9.2010)

In aller Kürze bin ich geneigt, diesen Satz ebenso als implizite Beschreibung wie als explizite Maxime poetischen Schaffens aufzufassen. Nicht selten kommen Sätze im Gewand der objektiven Wahrheit daher. Und meist helfen die Sätze wenig. Sie entzweien mehr, als dass sie verbinden. Wozu sie also sagen, wenn doch die Verbindung durch die Sprache das ist, was Menschen auszeichnet? Ich weiss nicht, ob ich auch den folgenden Satz in diesem Kontext sehen möchte. Tatsächlich suggeriert er, sich auf den vorangehenden zu bezieehen. Vom 09.09. zum 10.10. ist allerdings mehr als ein Monat vergangen.

„Weisheit ist weder ein Wissen, eine Methode noch eine Disziplin. Weisheit ist eine Verbindung.“ (10.10.2010)

Noch vor dem 10.10. in unmittelbarer Nähe des Satzes über die Ehrlichkeit – nämlich auch am 09.09. – habe ich die Maxime poetischen Schaffens noch ein wenig weiter getrieben.

„He, whose life is art, is called an artist. He, whose art is life, is called a saint.“ (9.9.2010)

Einige Zeit habe ich das Politische in der Kunst gesucht. Mittlerweile drängt sich mir eher wieder der Zusammenhang zwischen Kunst und Religion auf. Das Politische als Organisation der Kollektivität. Das Religiöse als Organisation der Individualität. Das eine hält das gesellschaftliche Leben in Ordnung, das andere hält das persönliche Leben in Ordnung. Die Nähe von Religion und Ästhetik, also von der Organisation der Individualität und der Schönheit, dokumentiert die Frage unmittelbar davor.

„Wenn ich es jetzt schaffe, zufrieden zu sein, wird mein Gesicht im Alter dann schön sein?“ (09.09.2010)

Dabei spielt offenbar nicht nur die erwähnte Nähe von Religion und Ästhetik eine wichtige Rolle, sondern auch der Umgang mit Vergänglichkeit und die Möglichkeit von Schönheit in der Vergänglichkeit. Diese Vergänglichkeit, obwohl sie gerade dem Tier ‚Mensch‘ bekannt ist, erscheint als Frage. Eine Frage, die nach dem fragt, was für die Schönheit nötig zu tun ist. Das Erreichen der Schönheit setzt ein Tätigsein voraus.

„Ich kann kein Dichter sein, der schreibt, um zu leben. Ich brauche die Tat zur Wahrheit.“ (14.11.2010)

Diese kleine Spielerei mit der Wendung ‚in Tat und Wahrheit‘ – kurz davor steht der Satz: „Der Mensch ist in Tat und Wahrheit.“ (18.10.2010) – zeichnet ein Bild des Dichters jenseits einer professionellen Tätigkeit. Allerdings stellt sich (noch ganz unabhängig vom Problem der Wahrheit) dennoch die Frage: Kann das Schreiben selbst schon die gesuchte Tätigkeit sein oder nicht?

„Lesen kann nichts lehren ausser denken.“ (21.10.2010)

Invers gelesen bleibt das Schreiben – wie das Denken (eine ganz spezifische Fähigkeit frei von Tätigkeit) – in einem Innenraum, der im Gegensatz zum Tätigsein steht, wenn ‚lehren‘ heisst, eine Fähigkeit und nicht bloss Wissen zu erlangen. Erst, um auf einen anderen Satz zurückzukommen, das Lesen in Verbindung mit etwas Anderem führt zu einer Fähigkeit – oder eben einer bestimmten Fähigkeit: „Kunst ist die unbestimmte Kunstfertigkeit.“ (10.10.2010) Das Schreiben als Kunst bleibt im Hinblick auf die Welt – auf eine Wirkung in ihr – unbestimmt. Im Hintergrund, so scheint es mir zumindest jetzt, steht, wenn es um dieses Tätigsein geht, die tätige Güte des Christentums, die – wie auch in anderen Religionen – gegen aussen, d.h. auf andere, gerichtet ist. Dass jedoch Ordnunghalten – in einem vermeintlichen Gegensatz zur Bezogenheit auf andere – zunächst häufig darin bestehen könnte, nichts zu tun, fiel mir erst viel später auf.

„Ich möchte viele Fähigkeiten erwerben, um die Gelassenheit zu haben, nichts zu tun. Ich könnte immer etwas tun, aber ich brauche meist nichts zu tun.“ (22.08.2017)

Vielleicht erscheint da die Gelassenheit als Voraussetzung, die das Individuum überhaupt erst zur tätigen Güte befähigt. Es mag überdies paradox erscheinen. Ich glaube aber vielmehr, dass es sich um eine genuine Kippfigur handelt – wie eine Wippe im Garten einmal auf die eine und einmal auf die andere Seite kippt. Die Organisation der Individualität ermöglicht erst die Organisation der Kollektivität – aber umgekehrt gilt dasselbe. Oder konkret: Ein Mensch, der in sich keine Ordnung (also keine Gelassenheit) hat, wird ständig vorschnelle Entscheidungen treffen und so das Kollektiv zerrütten (vgl. z.B. Donald Trump). Aber ein Kollektiv, das sich beispielsweise im Krieg befindet, wird es dem Individuum ungeheuer erschweren, sich selbst zu organisieren. Bemerkenswerterweise hat auch das Pronomen gewechselt: von objektiven Fesstellungen über subjektive Aussagen zu einem Kollektiv.

„Solange wir noch reden, brauchen wir nichts zu tun. Also lass uns reden.“ (19.02.2018)

Es mag also paradox erscheinen, dass sich in diesem Zusammenhang wieder das Politische bahnbricht. Ich glaube es nicht. Vielleicht bezeichnen Religion und Politik nur zwei Ebenen, die auf vielfältige Weise miteinander interagieren. Die Welt ist ein Ganzes, das horizontal aus Teilen und vertikal aus Ebenen zusammengesetzt ist, ohne dass das Ganze lediglich die Summe aller Teile wäre: Die Teile stehen nicht nur nebeneinander, sie interagieren („Warum ist etwas wichtig? Weil es interagiert.“, 14.10.2020).

„Wir reiten immer auf den Entscheidungsprozessen herum. Demokratien reden unablässig darüber, wie entschieden werden soll: Nach welchen Mehrheiten, mit welchen Sicherheiten… Wichtiger schiene mir: Mit welcher Geschwindigkeit soll entschieden werden? Auf einer Skala zwischen unmittelbar und nie?“ (02.02.2020)

Unscheinbar klingt das – es ist eine radikale, geradezu utopische, Vorstellung von Politik. Ich vermute dennoch, dass in dieser Frage der Kern von Demokratie liegt.³ Zwischen allerlei Maximen, die sich wiederum eher auf der moralischen Ebene bewegen (z.B.: „Warne die Leute nicht, weil du ein grösseres Wissen hast. Bau sie nach Niederlagen auf, weil du aufgrund deines höheren Wissens weist, wie man mit Niederlagen umgeht.“, 13.11.2010), schleicht sich wieder ein Satz, der sich mit diesem ’nichts‘ und ’nie‘ im Kopf der Ästhetik zuwendet.

„The secret to style is to make nothing look good.“ (13.12.2010)

Englisch… warum? Der geübte Paranoiker zieht sofort eine Verbindung zu einem beinahe zehn Jahr später veröffentlichten Aufsatz über Stil. Der einzige Aufsatz, den ich bislang auf Englisch geschrieben habe. Aber was heisst geschrieben: Ich habe meinen eigenen Text ins Englische übertragen. Der geübte Paranoiker ist einer, der viel zu viele Urteile fällt. Der geübte Paranoiker lässt sich gerade nicht von diesem ’nichts‘ und ’nie‘ leiten.

„Scheide das Wichtige vom Unwichtigen, aber urteile nur, wo es wichtig ist.“ (21.10.2010)

Sowohl beim Niederschreiben all dieser Sätz, als auch jetzt, beim nachträglichen Verfolgen ihres Verlaufs, nehme ich mir das zu Herzen – müsste ich mir das zu Herzen nehmen. Einige Sätze fallen raus. Zu viele bleiben vielleicht dabei. Allerdings passt das wohl in die Zeit. Diese Sätze ersetzen für mich zumindest (ich fotografiere fast nie und besitze kein Smartphone) Bilder.

„Zwingt das Zeitalter der durch Selbstdarstellung ermöglichten Begutachtung zu dem, was die Philologie unter dem Deckmantel des Sammelns wissenschaftlicher Hintergrundinformationen im Nachhinein hämisch zu entlarven sucht – nämlich zu einer Lebensführung, die der Unverborgenheit standhält? Verbinden sich endlich Tat und Wahrheit, Leben und Kunst? Entsteht unter dieser Voraussetzung erst die Lebenskunst?“ (18.10.2010)

Es ist eine ambivalente Vermutung. Sie geht in beide Richtungen: Passt sich die Moral der Ästhetik and oder die Ästhetik der Moral an? Nichts desto trotz: Der avantgardistische Traum einer Verbindung von Kunst und Leben bleibt, auch wenn ich ihn längst nicht mehr mit derselben Naivität träume, wie er einmal geträumt wurde. Die Ästhetik hat sich schon in das Leben eingeschlichen – aber primär als Produktdesign. Ich hätte mir das anders geträumt. Künstlerisches Tätigsein will ich aber durchaus als Teil einer Lebensführung begreifen. Eine Kunst, welche die Wissenschaft weder zu plumpen Biografismen, noch zu unpersönlicher Objektivität verleitet. Und darin läge dann auch wieder politisches Pontezial.

„Die Person sei aus dem Spiel gelassen, wenn es um die Sache geht. Nicht die Meinung – nur die Tat ist das, was bleibt. Und so tue, was du sollst, auch wenn deine Person dabei mit wehenden Fahnen untergeht.“ (05.01.2011)

Sofort begreife ich diesen Satz als Korrektiv – als Präzisierung. Die Wiedereinführung der Person dient keinesfalls einem narzisstischen Individuumskult (dennoch ist es in einsamen Momenten tröstlich, diese Satz-Bilder wieder zu lesen und zu sehen, dass dies ein Leben ist, ob sich ein anderer Mensch für dieses Denken interessiert oder nicht). Vielmehr wünschte ich mir Verbindlichkeit, Verantwortlichkeit – und nicht zu viel Opportunismus. Diese Gedanken liessen mich nicht so schnell los. Und wie Ästhetik, Moral und Politik miteinander verbunden sein könnten, schrieb ich am Tag danach auf.

„Die Kunst ist das Ermächtigende, weil sie – zumindest ihrem Schein nach – selbstständig ist. Sie wird aus dem Künstler heraus geboren und erzeugt erst jenes notwendige Gefühl der Macht, welches das Handeln in einer Welt ermöglicht. Zugleich aber geht das Kunstwerk auf diese Welt zurück und wird erst aus ihr heraus möglich. Damit schliesst sich ein Kreis, der durch die drei Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks gekennzeichnet ist: Welt – Kunst – Handlung. Die Kunst ermächtigt zum Handeln, das Handeln gestaltet eine Welt, aus der Welt heraus gebiert der Künstler das Kunstwerk.“ (06.01.2011)

Impliziert ist eine entwicklungspsychologische Feststellung und ein pädagogisches Programm. Denselben Gedanken schrieb ich gleich noch einmal nieder.

„Nur wer die drei Punkte des Kreises gesehen hat, erlebt den Menschen – sich selbst – in der Fülle und Ganzheit seiner Möglichkeiten. Wer verharrt und an einem Punkt stehen bleibt, verfehlt die Ganzheit des Menschen. Wer sich zu bewegen weiss in den drei Feldern, die zu diesen Punkten gehören, lebt gänzlich. Kunst – Politik – Philosophie. In anderer Reihenfolge: Verstehen – Ermächtigen – Gestalten; oder: Gestalten – Verstehen – Ermächtigen. Wer schon ermächtigt ist, wird in letzter Instanz auch dazu aufgerufen sein, andere zu ermächtigen. Das Wort ist zweifach zu lesen: Ermächtigung seiner selbst – Ermächtigung seines Nächsten.“ (06.01.2011)

Und noch am selben Tag auch wieder die skeptische Relativierung der Euphorie diesen Zusammenhang erkannt zu haben. Ein Rückbezug auf die Form. Selbstreflexion: Was tue ich da. Und ein Besinnung auf das Tätigsein, wo sich dieses Tätigsein und das Denken miteinander verbinden.

„Der Aphorismus ist die angemessene Form. Nicht, weil alles Stückwerk ist. Sondern, weil dasselbe immer wieder gedacht werden muss – von Neuem und von Neuem und von Neuem.“ (06.01.2011)

Das – lebenslange – Üben ist diese Verbindung – eine etwas uneuropäische Haltung der Praxis. Interessant ist, dass das Theoretisieren, d.h. die westliche Wissenschaft, sich je länger je mehr auch wieder als Praxis begreifen möchte. Die allmähliche Aufspaltung des mönchischen Lebens in religiöse Praxis und Wissenschaft seit dem Ende des Mittelalters hat die europäische Geschichte geprägt. Verlang die heutige Dominanz der Wissenschaft nach einem Ausgleich, sodass der religiöse Anteil des mönchischen Lebens zurückkehrt? Wie könnte dieser Ausgleich aussehen? Wenn es da den Bereich der Praxis (Kunst als Einübung in eine Tätigkeit) und dort den Bereich der Theorie (Philosophie als Wissenserzeugung und -aneignung) gibt, verlangt der Ausgleich nach einem dritten Punkt? Die Auseinandersetzung mit Kreis und Dreieck in diesem Zusammenhang brach nicht ab.

„Die Eigentümlichkeit der Verbindung von Kreis und gleichseitigem Dreieck liegt darin, dass beide einander bedingen. So geschieht es mit den drei Eckpunkten des Dreiecks, die gleichzeitig, den Kreis bezeichnen. Das Feld einesjeden Eckpunktes enhält in sich die Bedingung des nächsten. Eigentümlich ist es, dass kein Eckpunkt – und damit auch kein Feld – sich selbst genügt. Jeder Eckpunkt findet seine notwendige Bedingung im anderen. Wer also die Frage stellt, nach der Eigenart eines Eckpunktes, wird die Antwort bei einem anderen Eckpunkt finden. Damit zeigt sich auch die Notwendigkeit des Dreiecks – und nicht etwa einer beliebigen anderen Figur wie zum Beispiel ein Viereck. Von jedem Punkt des Dreiecks aus ist es möglich, direkt jeden anderen zu erreichen. Nur so können sie sich gänzlich gegenseitig Bedingen. Zwei Arten von Linien führen vom Eckpunkt weg. Die erste der Art umfasst zwei Linein, nämlich die beiden Verbindungen zu den anderen beiden Eckpunkten. Die andere Arte der Linien umfasst nur eine. Sie führt vom Eckpunkt zur gegenüberliegenden Seite, d.h. Verbindung der anderen beiden Eckpunkte. Damit liegt im einen Eckpunkt die Verbindung der beiden andere begründet. Wer verstehen will, wie zwei Eckpunkte miteinander verbunden sind, wird den dritten Eckpunkt untersuchen müssen.“ (06.01.2011)

Es klingt wie eine formale Spielerei und ist es vielleicht auch. Dennoch erinnern mich solche Sätze an meine Faszination für Strukturen beim gestalten von dichterischen Büchern mit fünfzeilern. Mit den fünfzeilern tauch auch wieder die Frage nach der Lebenskunst bzw. der Lebensform auf. Vielleicht liegt der Sinn des Politischen darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass das Leben in der Vielfältigkeit seiner verschiedenen (notwendigen) Tätigkeiten zum Ausdruck kommen kann. Idealisiert erscheinen diese drei Bereiche – und bemerkenswert erscheint mir aus heutiger Sicht auch, dass diese anderen Tätigkeiten, deren Notwendigkeit ich noch in Klammern gesetzt habe, keine Erwähnung finden.

„Das Politische hat zum Massstab das Leben. Damit muss das Politische unabsehbar bleiben und den Menschen damit mit der Machtlosigkeit konfrontieren. Aus dem Politischen heraus lässt sich kein Gefühl er Ermächtigung ableiten. Dieses muss aus einem anderen Feld wachsen. Hannah Arendt schreibt in „Vita activa“ (S. 231), der Unterschied zwischen einer realen Geschichte und einer fiktiven Geschichte sei der Autor. Während die fiktive Geschicht komponiert ist und in der Macht des Autors liegt, hat die reale Geschichte keinen Autor und kann daher auch nicht in der Macht irgendeines Menschen liegen. So entsteht das Gefühl für Macht, der Antrieb zum Handeln, auf dem Feld der Kunst, wo der Mensch sich seiner selbst und seiner Tätigkeit vollkommen bewusst sein kann.“ (08.01.2011)

Dennoch erscheinen mir diese Überlegungen selbst nach einigen Jahren noch als grundsätzlich stimmig. Sie bilden, so glaube ich, nach wie vor einen fruchtbaren Ausgangspunkt. Aber sie spitzen sich im Verlauf von wenigen Tagen auch zu.

„Wenn ein Mensch die Macht hat, die Wahrheit zu machen, d.h. im Feld der Politik die Welt zu gestalten, so hat er bereits die Macht wieder verloren, steht er doch vor vollendeten Tatsachen und muss diese erst wieder verstehen.“ (08.01.2011)

Reizvoll mutet mich der Versuch an, diese Sätze in umgekehrter Reihenfolge zu lesen und die breiteren Überlegungen aus den prägnanten Formulierungen heraus zu entfalten. Aber: So ist es an dieser Stelle nicht.

„Wenn der Menscht die Macht hat, Wahrheit zu machen, so zwingt ihn diese sie zu machen.“ (08.01.2011)

Stattdessen nimmt die Entfaltung nach dieser schrittweisen Kondensierung einen möglicherweise bizarren Zug an. Ein Dozent aus der Philosophie meinte bei der Besprechung meiner Hausarbeit zu Heidegger, er hätte das im Studium genau so gesehen. Und deswegen fände er meine Arbeit auch gut. Aber er sei inhaltlich nicht mehr einverstanden.

„Das Griechentum ist für uns deshalb so wichtig, weil in ihm zum ersten Mal eine fatalistische Haltung überwunden wurde. So schreibt Heidegger: „Eine erstmalige und in ihrer Art unwiederholbare Überwindung des asiatischen Fatums vollzog sich bei den Griechen, und zwar in eins mit dem dichterisch-denkerisch-staatlichen Werden dieses Volkes. („Der Rhein“, Erstes Kapitel, Abschnitt c) Hier wird genannt, was die drei Grundfelder des Menschen sind: Kunst – Philosophie – Politik.“ (08.01.2011)

Ich habe, bis zu einem gewissen Grad, die Hoheit über die Anordnung und will deshalb zurückkehren. Die Verfolgung eines ‚logico-ästhetischen Kontinuums‘ (ein Ausdruck von Charles de Roche) hat sich schliesslich schon nach den ersten paar Sätzen als unmöglich erwiesen. Es soll bei all diesen abstrakten Überlegungen – und vielleicht ganz besonders auch nach einem Verweis auf Heidegger – nicht ganz unmenschlich zu- und hergehen. Eine andere Weise, einen einzelnen Menschen (und nicht wie vielleicht vorher den Menschen als Abstraktum) zu erkennen:

„Verständnis zu haben für jemanden, hiesse, die Momente nachvollziehen zu können, in denen sich die kümmerliche kleine Hütte, welche das kleine menschliche Tier gegen die Unbill der Welt beschützt, in ein Pantheon verwandelt und sich das kleine menschliche Tier zu erheben – mit federleichtem Herzen und ohne eigenes Wollen davon zu schweben – scheint. Verständnis zu haben für jemanden, hiesse, wenigstens die runde Öffnung im Dach des Pantheons zu sehen.“ (24.08.10)

Mit dem Blick von heute erscheint mir das als bildhafte Beschreibung der Voraussetzung gewaltfreier Kommunikation. Diese Haltung der Einfühlung habe ich im Studium kaum erlebt – umso bemerkenswerter die obige Anekdote zur Heidegger-Arbeit. Selbstredend weist das Bild auch darauf hin, dass dieses Verständnis nur schwer oder vielleicht gar nicht aufzubringen ist. Diese beiden Sätze von 2010 könnten, aber sie tun es hier ja auch, wie eine Überleitung vom 08.01. zum 16.01. erscheinen.

„Mit Andersheit umzugehen heisst vielleicht, diese einfach zu akzeptieren und sie als notwendig zu erachten, ohne selbst anders sein zu wollen – ohne selbst vollständig verstehen zu können oder zu wollen.“ (16.01.2011)

Die Unmöglichkeit, dieses Verständnis – vollständig – aufzubringen, erfordert die Akzeptanz. Noch davor folgt ein kurzer Kommentar, der treffender nicht sein könnte für dieses Unterfangen – jenseits eines Blogs und diesseits eines Buchs – hier:

„Im tieferen Sinn: Lesen heisst Schreiben – Schreiben heisst Lesen.“ (12.01.2011)

„Wir bringen aber die Zeiten / unterinander“ (Hölderlin) mit diesem Satz. Es war nicht anders zu erwarten. Aber noch wichtiger erscheint mir der Satz unmittelbar vor dem 16.01.2011, die den Umgang mit der Andersheit in einem grösseren Kontext beleuchtet. Er verweist ebenso zurück auf die Sätze zur Demokratie und hält ihnen – implizit – Anarchie entgegen, wie er das Motiv des Ordnunghaltens – wider (unnötige) Übertreibungen – aufgreift.

„Gesetze sind eigentlich unvernünftig, bekämpfen sie doch ein Problem, das aufgrund des gesunden Menschenverstandes einvernehmlich gelöst werden könnte. D.h. weil übertrieben worden ist, braucht es ein Gesetzt, das dieses Übertreiben verhindert. Umgekehrt führt dies aber dazu, dass der Handlungsspielraum eingeschränkt und vernünftiges Handeln unterbunden wird.“ (15.01.2011)

Das Üben (zwischen dem 22.01. und dem 25.07.2011 klafft eine grosse Lücke in den Notizen – Tansania, vielleicht, verlorene Notizblätter?), das diesem Ordnunghalten zugrundeliegt: Mit einem Augenzwinkern kann ich also sagen, dass das Üben dauert – und die Einsicht langsam wächst.

„Kleine Exerzitien des Denkens: Von Nichts kommt nichts: Der Geist muss, bevor er selbst aktiv werden kann und sich selbst denkersich zu betätigen vermag, angefüllt werden. Dem Geist müssen Werkzeuge und Denkansätze zur Verfügung stehen, damit er tätig werden kann. Ein Maurer, der keine Backsteine hat, baut keine Mauer. Ein Bildhauer, der weder Hammer noch Meissel hat, schafft aus dem Marmorblock keine Statue. So muss der Geist zuerst einiges lernen, damit er urplötzlich selbst etwas hervorbringt. Denn: Von Nichts, kommt nichts. Ein leerer Kopf ist hohl.“ (19.08.2011)

Alles sehr klassizistisch ausgedrückt, sehr bildungsbürgerlich. Und wahrlich nichts Grossartiges. Der Kommentar dazu – und ich nehme an, dass sich beide Passagen aufeinander beziehen – stimmt mich vergnügt.

„(Nach rund fünf Jahren Studium im Alter von 26 Jahren hatte ich, so darf ich behaupten, das erste Mal einen Gedanken, der selbstständig ist. Kein Einfall, keine Beobachtung, sondern ein Gedanke.)“ (19.08.2011)

Mit Verlaub (und das mag ein Zwischenhalt sein – ich schreibe ein anderes Mal weiter):

„I am reasonably unfit.“ (3.9.2011)

 

 

 

(Ordnung ergibt sich im Zusammenspiel von eigenem Zutun und zufälligen Verbindungen. Ich wollte die Sätze chronologisch ordnen und stelle nach kürzester Zeit fest, dass sich mir andere Varianten aufdrängen. Das ist eine Variante, wie die Sätze und Passagen einen Zusammenhang bilden. Und mit grösster Wahrscheinlichkeit werde ich den gegenwärtig abgebildeten Zusammenhang mit fortschreitender (chronologischer) Lektüre der Sätze und Passagen im Notizbuch wieder revidieren.)


¹ „In diesem Buch werden Fragen der Poetik behandelt, weil sie uns interessieren. Das kann für uns nicht bedeuten, auf eine Lehre oder Theorie des poetischen Textes zu zielen. Das Verfassen poetischer Texte gestaltet sich zwar als Kette von Entscheidungen, denen implizite Regeln zugrunde liegen, welche im fertigen Text etwa als Konsistenz des Stils merklich werden; da die Regeln aber nicht explizierbar
sind, ohne dass ihre ästhetische Evidenz sich verflüchtigt, und da ihre Aushärtung zur Lehre vollends dem Geist widerspricht, in dem wir schreiben, konnte die Strategie des Vorgehens nur darin bestehen, diese Regeln beiseite zu lassen und sich den Sensibilitäten, Bewusstseinslagen und allgemein den Lebensformen zuzuwenden, die die Produktion poetischer Texte – in unserem Fall – umgeben und die ihren Vorhof bilden. Dieses Buch ist also kein Metatext zu poetischen Texten, sondern ein Text unter Texten – der eben die Textarbeit zum Thema hat.“ (Helm aus Phlox, Merve 2011)

² Noch am selben Tag, an dem ich dies schreibe, notiere ich den dritten Satz zu den fünfzeilern: „Die Fünfzeiler: Das ist wie ein Schneckenhaus für mich.“ (19.11.2019)

³ Unscheinbar, so unscheinbar, dass darüber zu reden in einer Fussnote, die selbst auf eine Fussnote verweist, angemessen scheint. In einem Aufsatz zu Ulf Stolterfohts fachsprachen habe ich die Zusammenhängen in Fussnote 10 mit Jürgen Habermas und Hannah Arendt skizziert.